Schon seit einer gefühlten Ewigkeit plane ich, meine Wohnung neu zu streichen. Natürlich nicht einfach weiß – das wäre ja viel zu einfach –, sondern mit sorgfältig ausgewählten farbigen Akzentwänden. Das Problem: Ich drücke mich davor, weil mir schon beim Gedanken an das Möbelrücken und den Kampf mit Kilometern Malerkrepp die Lust vergeht. Und dann sind da ja noch die Farben. Dunkles Grün mit Blaustich? Bläuliches Petrol mit Grünstich? Vermutlich gibt es Menschen, die solche Entscheidungen schnell und zielsicher treffen können. Da ich leider nicht zu diesen zähle, muss die Umsetzung eben noch ein wenig warten!

Also vertage ich das eigentliche Streichen auf unbestimmte Zeit und beschäftige mich stattdessen mit einer perfekten Vorbereitung. Prokrastination würde man das wohl in Psychologendeutsch nennen, ich hingegen sage strategische Planung dazu.
Und diese besteht unter anderem darin, meine Bilder neu zu arrangieren. Das wäre ohnehin nötig, denn hinter den Rahmen verbirgt sich die bewegte Geschichte sämtlicher bisheriger Hängeexperimente. Meine Wand sieht inzwischen aus wie ein Emmentaler Käse. Und weil beim Umhängen selbstverständlich neue Löcher entstehen, könnte ich ja jetzt alles in einem Aufwasch verspachteln und anschließend einfach überstreichen – mitsamt den Nägeln.
„Löcher“ beschreibt den die Krater, die beim Nageln entstehen übrigens nur unzureichend. Der Putz führt nämlich ein geheimnisvolles Eigenleben. Entweder bekommt man einen Nagel mit Ach und Krach drei Millimeter tief hinein, oder er verschwindet beim ersten Hammerschlag bis zum Kopf in der Wand, stets begleitet von bombentrichterartigen Putzabplatzungen. Also muss ohnehin im Vorfeld gespachtelt und ordentlich geschliffen werden, damit der Untergrund optimal für die neue Farbe präpariert ist.


Ein weiteres Problem: Mein zweiter Name ist Hängung. Petersburger Hängung. Freie Wandflächen empfinde ich ungefähr so angenehm wie andere Menschen Zahnschmerzen. Das führt zwangsläufig dazu, dass meine Bilder bei jeder Neuordnung noch enger zusammenrücken. Eine umgekehrte Reise nach Jerusalem: Es gibt plötzlich mehr freie Wand als Bilder. Ein Zustand, der selbstverständlich völlig unhaltbar ist.

Moment mal! Auf dem Dachboden müsste doch noch einiges schlummern, das diese Lücken gar trefflich füllen könnte! Nach einer guten halben Stunde Wühlerei werde ich tatsächlich fündig und schleppe – stolz wie ein Pilzsammler mit prall gefülltem Korb – meine Ausbeute ins Wohnzimmer, das Haupthaar üppig dekoriert mit Lärchennadeln und Spinnweben. Ein Gründerzeitspiegel von beeindruckender Größe, ein mittelgroßer Spiegel mit Goldrahmen und ein hübsches Vogelaquarell, ebenfalls gülden gerahmt, füllen die freien Stellen wie maßgeschneidert. Der Kamundi, zuvor Solitär, bildet nun das Zentrum der neu geordneten Fotowand neben dem Schrank. Auch über dem Sofa ist nur noch ein gerüttelt Maß an Wand zu sehen.
Bleiben noch zwei freie Plätze, die mich weiß anleuchten – vorwurfsvoll! Doch ich habe ja auch noch zwei wunderschöne Rahmen zutage gefördert: Original Münchner Leiste, schwarz wie die Nacht, über neun Zentimeter breit und innen eingefasst mit einer schmalen Goldleiste. Stellenweise haben sie zwar einige Lackschäden, aber die sind schnell gespachtelt, mit Tusche geschwärzt und neu geschellackt. Alte Rahmen wie neu! Nur blöd, dass beide leer sind.
Aber wo bekomme ich jetzt auf die Schnelle zwei passende Bilder her? Das eine 24 mal 35 Zentimeter, das andere 40 mal 53. Kaufen? Dauert. Flohmarkt? Ungewiss. Also bleibt nur die einzig vernünftige Lösung: Ich male sie selbst.
Ich mache mich also im Internet auf Motivsuche und sammle Anregungen. Klar ist: Es müssen afrikanische Motive werden – meinem Fimmel für den Schwarzen Kontinent zuliebe. Ebenso klar ist, dass die Farbgebung zur Einrichtung passen muss. Diesmal treffe ich ziemlich rasch eine Entscheidung: keine Tiere, keine Landschaft, sondern etwas Figuratives. Acrylfarben, Spachteltechnik, Dottergelb, Limettengrün und Petrol als Hauptfarben. Kurz darauf stehen die Entwürfe.

Doch – oh heilige Ungeduld! – ich habe ja gar keine Leinwände. Bestellen? Niemals. Ich brauche sie jetzt!


Da fällt mir ein: Im Keller stehen noch zwei bedruckte Fotoleinwände. Ein Motiv hatte ich doppelt bekommen, das andere gefiel mir letztendlich doch nicht. Perfekt!


Ich suche die Leinwände hervor, löse sie von ihren Keilrahmen, drehe sie um, baue passende Spannrahmen, tackere die bedruckten Leinwände mit der Rückseite nach oben darauf, grundiere sie – und schon kann es losgehen.



Eine Woche später sind beide Gemälde fertig. Das ging eindeutig viel zu schnell. Ich hatte irgendwie völlig vergessen, wie spannend und gleichzeitig entspannend Malen sein kann. Das sollte ich wohl wieder öfter tun.


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