Noch ein neues Hockerleben

Tausche Fliesen gegen Furnier

LERNPROZESSE – AUF ALLEN SEITEN

Über 14 Jahre sind wir jetzt zusammen, mein Freund, mein Gegenstück, mein Herzenskleinod und ich. Aus verschiedenen Gründen wohnen wir nicht zusammen, was aber der Liebe keinen Abbruch tut – im Gegenteil. Manchmal muss ich sehr schmunzeln, wenn trotz der langen Zeit, die wir uns kennen, der eine etwas Neues am anderen entdeckt. Vor einigen Wochen fragte mich mein Holder zum Beispiel: „Wieso trinkst du eigentlich, wenn wir abends auf meinem Sofa sitzen, aus der Flasche, wenn wir bei dir sind, aber aus dem Glas?“ Ganz einfach: ICH hab nen Couchtisch, er nicht! Also gebe ich bei ihm der Flasche den Vorzug, um ein versehentliches Umstoßen des Glases auf dem Boden zu vermeiden. „Aaah, ok, verstehe. Du, ich hätte da aber irgendwo noch so’n Klapptischchen…“ „Ne, ne, nix da, kein Irgendwo-Klapptisch! Ich mach selber was. Muss ohnehin Furnierbänder üben!“ Einen Tag später hab ich bei Ebay Kleinanzeigen ein Höckerchen gefunden, das mir ideal erscheint…

Das Stück meiner Wahl ist ein reichlich mitgenommenes Höckerlein mit unglaublich häßlicher, lieblos reingezimmerter Fliesenplatte. Aber das Gestell mit diesen geschwungenen Beinen… Liebe auf den ersten Blick!!! 15 Euro plus Versand – und es ist mein! „Mehr isses auch nicht wert“, grummelt der Holde eine Woche später, „das Glump kam mir schon beim Auspacken in Einzelteilen entgegen…“ Mir ist das egal, denn ich seh das Prachtstück schon geistig vor mir stehen!

Jaaaha, ein bisschen recht hat er natürlich schon… Das Höckerle ist wirklich mehr als restaurierungsbedürftig. Beim Auseinandernehmen allerdings glaube ich für kurze Zeit nicht mal mehr daran: eine Multiplex-Platte trägt die vier Fliesen. Oder ist es umgekehrt? Noch nie im Leben hab ich geleimt-gepresstes Billigstholz gesehen, das derart von Bohrgängen durchsetzt war. Diese Larven waren wahrlich nicht wählerisch gewesen! Wenn jetzt das Gestell auch befallen ist, dann muss ich mir das echt nochmal überlegen. Ich hab keine Lust auf harte Chemie. Aber auch keine darauf, dass mir eines Tages der Dachstuhl über dem Kopf zusammenbricht!

Also: Großinspektion! Doch, oh Wunder – am Gestell des Hockers ist nicht ein einziges Bohrloch zu finden! Allerdings wird beim Abschleifen klar, warum die bohrfreudigen Knabberlarven das Gestell verschont haben. Verschonen mussten! Es besteht aus erstklassiger Eiche! Da haben sie sich wohl die Zähne dran ausgebissen…

Beruhigt nehme ich das Gestell komplett auseinander, entferne die rüde eingeschlagenen Nägel, die Leimreste, schmirgle, glätte, leime kaputte Teile, bevor ich das Gestell im Ganzen erneut verleime. Und so manche Eckverbindung hat dabei eine Sonderbehandlung nötig…

Das Gestell steht wie neu, jetzt wird es Zeit, wieder mal den Computer für’s Design zu bemühen. Abgesehen von unterschiedlichen Furniersorten, liegt mein Hauptaugenmerk auf der Herstellung von sogenannten Furnieradern. Das sind feine Einlagen mit fortlaufenden Mustern, die bei der Herstellung absolute Präzision erfordern. Und genau das wollte ich lernen… Der Übungsbedarf ist immens und ich muss, ich will eine Technik finden, mit der ich klarkomme. Bei meiner Schatulle waren diese sich wiederholenden Muster noch recht grob, jetzt sollen sie feiner werden…

Gerade schneiden und immer exakt gleich breit. Das allein ist schon eine echte Herausforderung. Doch mithilfe meines neuen Schneidgeräts gelingen mir die Muster, die ich mir am Computer zurechtgelegt hatte. Und das Vlies, über das ich hier geschrieben hatte, tut sein übriges. Überraschend schnell ist das Muster fertig geklebt – und bald darauf auch schon verleimt. Der Hocker ist nicht wiederzuerkennen!

Vielleicht trinke ich doch weiter aus der Flasche … Ich kann mich nämlich mal wieder kaum trennen!

Doch mein Freund Olli jedoch bringt mich mit einer Bemerkung über die Form der Beine auf die rettende Idee: mein Schneck bekommt den Hocker, den ich vor über einem Jahr gemacht hatte. Den Hocker mit der männlichen, geraden Form… Und ich behalte das neue Schmuckstück mit den ach so weiblichen Beinen. Jetzt steht dem Trinkglas nix mehr im Weg!!!

BARBARA Written by:

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