isarschatz DIY-Ideen

DIY ALS ZEITREGULATIV

Zeit ist etwas Kostbares – so sagt man das zumindest in normalen Zeiten gerne etwas un­reflektiert, aber mit ernster Miene vor sich hin. Wahrscheinlich hätte ­keiner von uns damit gerechnet, dass wir diese Aussage einmal in Frage stellen würden. Und zwar wesentlich reflektierter und mit noch vielfach ernsterer Miene.

Zeit ist nämlich auch etwas Seltsames. Sie ist auf die Nanosekunde genau zu messen und trotzdem kann sie sich dehnen oder schrumpfen, je nachdem, was wir gerade tun oder erleben. Ist es etwas Schönes, etwas ­positiv Erregendes, Aufregendes, Spannendes, kann es durchaus passieren, dass eine ganze Stunde auf die Hälfte schrumpft. Setzt uns jemand einen Termin, den wir unbedingt einhalten müssen und ist dieser schon im ­Vorfeld als beinahe hoffnungslos zu erkennen – aber nur beinahe, sonst funktioniert das Schrumpfen nicht – dann kann diese Spanne sechzig mal sechzig Sekunden langer Minuten gar ihren Multiplikator verlieren und sich auf ein gefühltes Sechstel reduzieren. 

Und da sind wir schon beim Kern der Sache: es handelt sich um ein Gefühl. Ein schnödes Gefühl, das uns die Kostbarkeit der Zeit besonders kritisch in Frage stellen ließ. Zu Corona-Zeiten nämlich, als alle Etablissements, in denen man zumindest ein wenig Ablenkung, Vergnügen oder ähnlich Zeitschrumpfendes erfahren konnte, geschlossen hatten, fühlte sich das Schleichen der Zeiger nahezu aufreizend, ja, geradezu provokant an. Kam noch erschwerend hinzu, dass wirklich fast alles untersagt war, was den Frust erträglicher gemacht hätte. 

Man durfte ihn nicht unter ­tonnenschweren Shoppingtüten begraben, die einem mit ihrem matt leuchtenden Papier, bedruckt in nuden Farb­tönen und mit ver­heissungsvollen Markenzeichen, das Gefühl gaben, ­etwas ganz Besonderes erworben zu haben. Nein, den überteuerten Label-Zwirn mit der kurzfristigen Frust-weg-Garantie brachte allenfalls ein professioneller Auslieferer, der den ganzen Tag nichts anderes tat und nicht mal mehr einen andeutungsweise neidischen Blick unter erschöpft flatternden Lidern zustande brachte.

Den erhielt man auch nicht von der Kellnerin beim Nobelitaliener, die sich gerade noch beherrschen konnte, das exquisite Stöffchen nicht mit mit Arra­biatasauce besudelten Fingern zu betatschen – um sich gleich darauf ein zweites Loch der Schadenfreude in den Bauch zu grinsen, weil sie beobachten durfte, wie der in Nussbutter geschwenkte Cime di Rapa das flüssige Milchprodukt unter sich ließ, justament auf eine bestens sichtbare Stelle im teuren, doch leider nicht waschbaren Gewebe. Nein, auch die Stätten frustmindernder Kochkunst und schadenfroher Servicekräfte durfte man nicht mehr heim­suchen. 

Ganz zu schweigen von der etwas schmuddeligen Kneipe ums Eck, in der es einem zu normalen Zeiten leicht gefallen war, sich völlig enthemmt einen Frustpeak flachzusaufen, und es genoss, sich anschließend mit beinahe nahtlos ineinander übergehenden Buchstabenfolgen über etwas aufzu­regen, an das man sich später partout nicht mehr erinnern konnte. Nur, dass der kräftige Herr mit den Hosenträgern, der lässig vor dem Spielautomaten hing, einem aufgrund der geäußerten Buchstabenfolgen erbost die Faust unter die Nase gehalten hatte. Bruchstückhaft auch an den  Wirt, der irgendetwas von Inventar gebrüllt hatte, bevor man sich unversehens und rätselhafterweise auf dem Gehsteig wiederfand. Nein, nicht einmal das war uns vergönnt gewesen.

Stattdessen vergällte uns dieses Virus einen unserer ehemals süßesten Träume. Den Traum, von zuhause aus zu arbeiten – wenn man schon arbeiten muss. 

Doch kaum eine Woche im Home Office, zeigte das über den Dächern der Stadt thronende, spaziöse Loft, das vier Zimmer in einem unbeheiz­baren, aber gnadenlos hippen Raum vereinigt, plötzlich Schrumpftendenzen, ähnlich der Zeit in angenehmen Momenten. Nur eben ganz und gar nicht angenehm. Richtig spooky wurde es allerdings, als es sich irgendwie so ­anfühlte, als würden Wände wachsen. Wände, wie sie sonst nur 0815-Wohnungen zu haben pflegen!

Achje, und der erwählte Partner! Hatte man sich nicht einstmals auch in dessen Stimme verliebt? Engelsgleich oder beruhigend tief entströmten noch vor der Pandemie die Laute der Kehle des geliebten Menschen und drangen mit ihrem sexy Timbre in die eigenen tiefsten Fasern vor. Auch heute dringen die Laute mit Macht ins Innerste, haben allerdings mehr Ähnlichkeit mit einer Zwiebacksäge oder einem LKW mit massivem Auspuffschaden…

Genau wie das Gold der eigenen Lenden, bei dem man schon vor der Geburt eine Hochbegabung erkennen konnte, das seltsamerweise selbst mit sechs Jahren noch plötzlich deutliche, vorher nie dagewesene An­zeichen von Unselbstständigkeit zeigte, die in der fordernden Dauerschleife, in der sie so unerwartet zutage trat, sich als extrem enervierend erwies. Zu allem Überfluss entzogen sich Kitas und Schulen wieder und immer wieder ihrer erzieherischen Pflicht, sodass der offensichtlich überschätzte Bildungsstand des nervigen Nachwuchses noch mehr auffiel.

Glücklich, wer sich noch keine, jetzt ihr wahres Gesicht zeigende Familie ans Bein gebunden hatte – so könnte man gedacht haben. Doch auch auf dem amourösen Sektor bewegte sich ja nichts! Diese Suchenden nämlich verwilderten genauso wie der Rest der Menschheit: kein Friseur, kein Nagelstudio, kein Kosmetiksalon und natürlich auch kein Fitnessclub – geschlossen! Heerscharen von Beziehungswilligen, die dergestalt verwahrlost wahrscheinlich nicht mal im Fall der Fälle die Chance genutzt hätten, standen im zwischenmenschlichen Regen. Denn wer findet schon ein Gegenüber mit Nestern auf dem Kopf, wild wachsenden Büscheln von Haaren an allen möglichen und unmöglichen Stellen, geschlechtslose Gestalten, die mit ihren Augenbrauen selbst Theo Waigel blass aussehen ließen, attraktiv? Wer will sich von Wesen mit kurzen Naturnägeln berühren lassen und erwartet dabei auch noch wohlige Gefühle? Ein wahrer Fetischist, dem bei derartigen Gedanken warm wird! Genau wie der, der so tief sank, dass er sich wahllos nach club-dystrophem Fleisch sehnte, wäre es nur ein wenig warm gewesen…

Kein Wunder also, dass die Zeit sich fast unanständig in die Länge – und auch Breite – zog, in diesen gefühlt endlosen Jahren der alles auf den Kopf stellenden Pandemie!

Doch nicht alle Menschen empfanden so. Sie, diese anderen, waren in der Lage, Positives aus dem Event- und Sozial-GAU zu ziehen, ja, sogar die manchmal wirklich gespenstische Ruhe zu genießen und dabei Kräfte zu entwickeln, die wohl schon immer in ihnen geschlummert haben mussten. Das war nicht nur eiserner Überlebenswille, ein Sich-über-Wasser-halten, nein, diese Kreaturen wuchsen auch noch daran und wandelten sich zu Kreateuren, deren Zeitempfinden sich exakt gegenteilig zu dem der übrigen Menschheit verhielt: bei ihnen schrumpfte die Zeit, ein 24-Stunden-Tag fühlte sich an wie ein Vormittag, der nahtlos und unvermittelt in die Nacht übergeht. 

Wachsen am GAU? Kann das mit rechten Dingen zugehen? Unvermeidlicherweise kommt einem da doch sofort der Gedanke an Kakerlaken – jene Insekten, denen man das Überleben einer Atomkatastrophe zutraut. Und nicht nur das Überleben: größer, kraftstrotzender und resistenter denn je, so dichtet man ihnen an, würden sie sich wie Phönix aus der Asche erheben.

In der Psychologie hingegen, einer Wissenschaft, in der man trotz des Seelengeschwurbels, die sie für viele ist, betrachtet man ein derartiges ­Phänomen deutlich nüchterner und nennt es schlicht und einfach – Resilienz.

Und so definiert es das Lexikon der Psychologie: Resilienz (= R.) [engl. resilience; lat. resiliere abprallen, sich zus.ziehen], bez. die Widerstands­fähigkeit eines Individuums, sich trotz ungünstiger Lebensumstände und kritischer Lebensereignisse erfolgreich zu entwickeln. R. wird zum Teil als ­Gegenteil zu Vulnerabilität verstanden.

Neither cockroach nor resilient – ich wurde kreativgebremst!

Egal, wie dem auch sei, ich empfinde mich weder als Kakerlake noch glaube ich, über eine ausgeprägte Resilienz zu verfügen. Vielmehr, ich sah mich sogar genötigt, eine Wortneuschöpfung zu kreieren, empfand einen gar nicht mehr enden wollenden Kreativschub. Je mehr mein durchschnittlich ruhiges Sozialleben immer noch mehr beschnitten wurde, desto mehr Ideen sprudelten aus mir heraus.

Gut, einen Hang zur Kreativität hatte ich schon immer, nicht umsonst habe ich den Beruf der Grafikerin ergriffen, doch so richtig ernsthaft ge­bastelt hatte ich zuletzt mit fünfzehn, sechzehn Jahren – das Grafik-Studium zähle ich nicht, denn hierbei handelte es sich ja um Auftragskreativität. Und geheimwerkert? Gott bewahre! Bis auf ein dilettantisch zusammengenageltes Miniregal für Schminkutensilien habe ich in dieser Richtung nichts zuwege gebracht und verspürte auch gar keinen Drang dazu.

Im Gegenteil. Wäre zum Beispiel meine Kleiderstange im Klamottenschrank gebrochen – und sie ist tatsächlich immer kurz davor – hätte ich wahrscheinlich den Meisterring mit sämtlichen Gewerken aktiviert, damit das wieder in Ordnung kommt.

Heute hingegen würde ich, stünde mir einer zur Verfügung, viel eher eigenhändig den Hochofen anwerfen und selbstgesammelten Erzen das nötige Material zum Ziehen, Drechseln oder Drehen einer neuen Stange entschmelzen. Mein kreativgebremstes Schaffen hat mir dahingehend nämlich ein nahezu grenzenloses Selbstbewusstsein verpasst …

Und weil dem so ist, weil ich so großes Vergnügen daran habe, weil es mir so viel gibt, weil es die Zeit so kostbar macht, will ich mein Tun mit euch teilen. Ich denke, es könnte wirklich für jeden, der ein bisschen bastelwillig ist, etwas dabei sein – von den Möbel- und Intarsienprojekten, die doch etwas komplexer sind, dürft ihr euch dabei einfach nicht stören lassen. Oder aber sie inspirieren euch wie mich, es juckt euch in den Fingern – dann erweitert sich der Kreis der Anregungen um ein Vielfaches.

SO ODER SO: ICH WÜNSCHE EUCH VIEL VERGNÜGEN! UND: BEI UNKLARHEITEN BITTE GERNE FRAGEN