Das Museum Schneider, so nennt meine Mama meine Wohnung -, vermeldet: Neues Ausstellungsstück Eckkommode eingetroffen! Nun ja, nicht nur eine, sondern sogar zwei. Aber was will man machen, wenn man einfach nicht widerstehen kann?


Angefangen hat alles mal wieder mit einem Ausflug in die Welt der Kleinanzeigen. Nein, ich suche nichts, schon gar nichts Konkretes, ich will einfach nur mal schauen. Tja, und da stolpere ich über zwei Eckkommoden… Nun haben ja Eckmöbel von Haus aus einen ganz eigenen Charme, aber diese beiden sind so herzallerliebst, dass ich mich auf den ersten Blick in sie verliebe.
Nur Stilmöbel? Gut so!
Und nicht nur ihre Optik passt voll in mein Beuteschema, nein, auch der Preis ist akzeptabel, ich sehe, dass was an beiden Stücken restauriert werden kann bzw. muss. Und ich sehe, dass ich dabei nach Herzenslust schalten und walten kann, ohne etwas unbezahlbar Antikes zu zerstören, denn es handelt sich um Stilmöbel, also hochwertige Replika nach historischen Vorbildern. Hochzeit hatten diese Möbel in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, sind also keine Antiquitäten, sehen diesen aber oft täuschend ähnlich und sind auch handwerklich meist von hervorragender Qualität.

Glücklich bin ich bekanntermaßen ja nur, wenn ich etwas restaurieren kann, da ich das aber nicht professionell beherrsche, vergnüge ich mich eben bevorzugt mit solchen Stilmöbeln oder völlig zerstörten Antiquitäten – Stücken, an denen man nichts kaputtmachen kann. Somit sind die beiden Kommoden ideal.
Soll ich, soll ich nicht?
Dennoch schleiche ich, sozusagen, mehrere Tage um die Eckkommoden herum, rufe immer wieder die Anzeigen auf und kann mich nicht entscheiden: soll ich beide anfragen, oder nur eine, wenn ja, welche, oder soll ichs lassen? Zum Schluss siegt der Charme beider Möbelstücke, durchaus auch forciert durch die vielen Favoriten-Herzchen, die andere potenzielle Interessenten bereits vergeben haben. Nicht, dass mir jemand in letzter Entscheidungs-Sekunde die zwei Schmuckstücke vor der Nase wegschnappt!
Bleibt nur das Transportproblem – in meinen Lupo krieg ich die Kommödchen nicht rein. Heinz hat zwar schon sein Auto und auch seine Dienste angeboten, doch wir haben jetzt Sonntagnacht und somit könnten wir die Möbel frühestens am nächsten Samstag abholen. Bis dahin kann ich den Verkäufer bei dem großen Interesse anderer Käufer sicher nicht vertrösten… Also versuche ich, in einer Nacht- und Nebelaktion etwas zu organisieren. Ich inseriere bei MyHammer, Shiply und was es in dieser Riege noch so gibt,
Bereits gegen 5 Uhr morgens trudeln die ersten Offerten ein. Ach, Leute, ihr seid ja nicht ganz dicht! Die zwei kleinen Eckkommoden als Beifracht auf der Strecke von Kempten nach München, also rund 120 Kilometer, sollen bis zu 350 Euro kosten? Nein, dann halt nicht.
Glück auf ganzer Linie!
Doch ich gebe nicht auf und kurz vor Mittag habe ich tatsächlich jemanden gefunden: der freundliche Herr verlangt 100 Euro von München nach Kempten und wieder zurück und er kann noch heute fahren. Das nenne ich mal Glück!
Allerdings weiß der Verkäufer noch gar nicht, dass es mich gibt, geschweige denn, dass ich Interesse an den beiden Kommoden habe…. Mit leicht zitternden Händen schreibe ich ihn an und warte aufgeregt. Eine Stunde später steht der Deal, ich bekomme noch einen kleinen Mengenrabatt, der Transporteur wird mit Adresse und Kontaktdaten versorgt, um 16.30 Uhr klingelt es an meiner Tür – und die Eckkommoden sind da!
Die übliche Vorgehensweise
Am Anfang steht stets die Lackentfernung, so auch in diesem Fall. Wieder mal habe ich Glück und Kommode Nummer Eins ist komplett mit Schellack eingehüllt, der sich leicht und problemlos mit Spiritus entfernen lässt. Mit dem Lack geht natürlich auch jede Menge Dreck ab, die Maserung des Holzes kommt nach dessen Entfernung wesentlich besser zur Geltung.


Auch die Deckplatte sieht nun um einiges besser aus, aber man erkennt nun ebenfalls deutlich, dass sie von einigen Rissen durchzogen ist, die sich nicht so einfach beseitigen lassen. Außerdem gefällt mir die Maserung des verwendeten Furniers nicht so wirklich. Zwar ist der Schwung der Füllung an und für sich recht hübsch, doch er verläuft nicht parallel zur Rundung des Rahmens und geht auch nicht über dessen volle Breite. Ha, da hab ich doch schon wieder einen Grund gefunden, etwas neu zu machen!


Ab in den Keller und Furniere sichten! Recht schnell fällt die Entscheidung auf Ahorn (Einfassung) und Kirschbaum und/oder Tineo (Rahmen). Für die Füllung lässt sich kein passendes und ausreichend großes Furnier finden, deshalb werde ich ein eindimensionales Würfelmuster erstellen, das komplett aus Mahagoni besteht und allein durch ein Lichtspiel der Maserung zur Geltung kommt.
Doch auf welchen Untergrund bringe ich das Furnier auf? Direkt auf die Originalplatte? Das geht nicht, denn sie ist zu rissig und das würde früher oder später auf das neue Furnier durchschlagen. Das alte Furnier abnehmen? Geht auch nicht, denn es handelt sich um ein ca. 3 mm starkes Sägefurnier und dessen Entfernung würde den Deckel destabilisieren.

Tja, da werde ich eine separate Platte benötigen. Diese sollte möglichst dünn und trotzdem stabil sein, um sich nach dem Aufbringen des neuen Furniers nicht zu verziehen – da entstehen nämlich Kräfte, die man nie vermuten würde.
Ich entscheide mich für eine 4 mm dicke Sperrholzplatte, die ich doppelt aufeinanderleimen werde. Gesagt, getan: Schablone aus Karton geschnitten, Sperrholz aufeinandergeleimt, Grundform ausgesägt.


Dann schneide ich Streifen aus Mahagoni, exakt 20 mm breit, klebe sie, die Maserung abwechselnd senkrecht und waagerecht, auf selbstklebendes Seidenstickgewebe, schneide davon erneut 20 mm breite Streifen ab und setzte alles zum gewünschten Würfelmuster zusammen. Das leime ich nun mit Knochenleim auf die Trägerplatte und fixiere es, geschützt und zusammengehalten durch eine Plotterfolie, mit einem Bügeleisen. Sobald der Leim zu blubbern beginnt, kann man alles abkühlen lassen und schon sitzt das Muster bombenfest.


Eine letzte Entscheidung ist zu treffen: aus welchem Holz fertige ich den Rahmen? Meine Wahl fällt auf Kirschbaum, da es auf dem Korpus ebenfalls verwendet wurde. Zunächst aber schneide ich schmale Streifen vom Ahornfurnier, beschneide das Würfelmuster und fasse es damit ein. Schließlich bringe ich das Kirschbaumfurnier mit einem großzügigen Überstand auf. Die Schnittfelder fülle ich mit Mahagoni, ebenfalls mit einem Überstand.
Den Überstand wiederum ritze ich nach dem Aushärten des Leims rückseitig leicht an und umklebe die 8 mm starke Kante. Das ist ein echtes Gefrickel und erfordert höchste Präzision. Doch schließlich ist es geschafft und Ich kann die neue Deckelplatte glattschleifen.


Zum Schluss verpasse ich allen Teilen noch eine semi-glänzende Schellackpolitur – auf Hochglanz stehe ich nicht so sehr -, und schon könnte die erste der beiden Eckkommoden Einzug in meinem ganz persönlichen Wohnmuseum halten, wenn, ja wenn ich denn Platz finden würde….
Doch ich habe ohnehin vor, in den nächsten Wochen und Monaten gründlich auszusortieren, zu renovieren und umzustellen, dann wird sich wohl ein Plätzchen finden!

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