STRAFARBEIT KORNELKIRSCHEN ENTKERNEN
Jedes Jahr wird von der Gesellschaft für deutsche Sprache eine Liste der beliebtesten Vornamen herausgegeben, die den gleichen Modetrends unterliegen wie andere Dinge eben auch. Zu meiner Kinderzeit waren es bei den Jungen die Thomasse, Stefans und Andreasse, die zuhauf aus den Geburtsregistern quollen, heute sind biblische Namen wie Noah, Elias, Jonas und Paul unter den Top Ten – und das seit über einer Dekade. Super, da fühlt sich die halbe Schule angesprochen, wenn der Lehrer auf dem Pausenhof einen dieser Namen ruft!
Deshalb würde ich, stünde ich vor der Entscheidung, einen Knabennamen aussuchen zu müssen, sicher keinen der oben genannten auswählen. Mhm, warum nicht mal in die Kiste der griechischen Mythologie greifen und etwas Klangvolles hervorzaubern? Sisyphos zum Beispiel, so kam mir neulich ganz spontan in den Sinn, als ich zwei Kilo Kornelkirschen entkernen musste, um Marmelade draus zu machen…
Heiligs Blechle, war das eine mühselige Angelegenheit – und eine Riesensauerei dazu! Natürlich hatte ich mich im Vorfeld kundig gemacht, wie man das dünne, aber extrem schmackhafte Fruchtfleisch der Kornelkirschen am effektivsten von den vergleichsweise großen Kernen löst. Das heißt, ich hatte versucht, mich kundig zu machen. Eine probate, geschweige denn effektive Lösung jedoch war mir nirgendwo untergekommen. Da gab es locker-flockige Aussagen, man könne die Früchte mit der Flotten Lotte entfleischen, sie durch ein Sieb drücken oder gar mit der Hand entkernen. Auf die Kern-Problematik gingen sie mit keinem Wort ein. Andere Posts hingegen sprachen das Thema an, hatten aber auch kein Allheilmittel gefunden – abwechselnd wurden bei der recht hilflos wirkenden Weiterverarbeitung Thermomix, Standmixer oder Pürierstab geschrottet.

Also blieb mir nichts anderes, als mich durch eine äußerst zeit- und kraftaufwendige Prozedur zu quälen, bei der ich jedes auch nur annähernd geeignete Gerät oder Sieb benutzte und die komplette Küche mit klebrigem Saft und Fruchtmus einsaute. Stunden später endlich hatte ich es geschafft und konnte mit dem Einkochen der Marmelade beginnen, was sich wie ein Kinderspiel gestaltete – verglichen mit der Entkernerei!
ZUTATEN
- 2 Kilogramm Kornelkirschen (entkernt etwa 1,3 Kilogramm)
- 1 Kilogramm Gelierzucker 1:2
- Saft einer Zitrone
- etwas Tonkabohne, gerieben
- soviel Wasser, bis man wieder auf 2 Kilogramm Fruchtmus kommt
ZUBEREITUNG
Früchte aufkochen, bis sie platzen, entkernen, Fruchtmus mit dem Gelierzucker vermengen, Tonkabohnenabrieb und Zitronensaft unterrühren, nach Anweisung kochen, anschließend Gelierprobe machen und heiß in sauber gespülte Gläser abfüllen. Gläser sofort mit Schraubdeckeln (mit kochendem Wasser sterilisiert) fest verschließen und abkühlen lassen. Die Gläser müssen nicht gestürzt werden.





Oh, was war ich froh, als alle acht Gläser mit verlockend roter Kornelkirschen-Marmelade befüllt und verschlossen waren und das kleine Restchen, das nicht mehr in die Schraubgläser gepasst hatte, zu Heinz‘ und meiner absoluten Zufriedenheit verkostet worden war! Die Marmelade schmeckte sogar so gut, dass ich mich gedanklich sofort mit der Produktion einer weiteren Sorte befasste – schließlich wurden bald auch die Schlehen reif. Und bei Spaziergängen hatten wir bereits gesehen, dass diese heuer ausnehmend üppig trugen.
TAUSCHE SISYPHOS GEGEN ANGUS
Allerdings ist die Frucht der Schlehe der Kornelkirsche konstruktionstechnisch sehr ähnlich – kleine Beere, dünnes Fruchtfleisch, vergleichsweise großer Kern… Sollte ich mir diese Sisyphos-Arbeit tatsächlich noch einmal antun? Nein, da musste eine andere Lösung gefunden werden! Und so führte mich mein Weg fort von Sisyphos, hin zu Angus, Angus MacGyver.

MacGyver, der Protagonist einer US-Fernsehserie aus den 80er-Jahren, steht stellvertretend für höchst kreative Problemlösungen unter Zuhilfenahme von Alltagsgegenständen. Sein Einfallsreichtum hat sogar in den Sprachgebrauch Einzug gefunden – sagt man macgyvern, so weiß jeder, was gemeint ist. Und auch ich wollte jetzt macgyvern. Wäre doch gelacht, wenn sich da nicht eine Lösung finden ließe!
OHNE SISYPHOS UND SAUEREI
Nach einigem Nachdenken, diversen Onlinerecherchen und Baumarktbesuchen hatte ich den Lösungsansatz: etwas von der gleichen Machart wie Streckmetall muss her. Also ein Sieb aus eckigen Drähten mit ovalen Löchern. Leider konnte ich das Streckmetall aus dem Baumarkt nicht verwenden, denn es ist nicht lebensmittelecht, was bei einer derart hohen Säurekonzentration, wie sie bei der Verarbeitung von Obst entsteht, weder geschmacklich noch gesundheitlich zu verantworten gewesen wäre. Und im Küchensektor konnte ich nichts finden, bei dem Streckmetall verbaut worden war. Wie es der Zufall wollte, stolperte ich bei einem Rundgang bei den Kleinanzeigen, eigentlich auf der Suche nach Antiquitäten, über ein Inserat – ein kleines Frittiersieb. Genau das war es!!! Eckige Drähte, ovale Löcher, lebensmittelecht und nur 3 Euro…



Sofort erwarb ich das Teil und fieberte der Schlehenreife entgegen. Ende Oktober war es dann so weit – und was soll ich sagen! Es flutschte wie geplant, wie geschmiert! Problemlos löste sich das Fruchtfleisch von den Kernen, allein durch sanftes Streichen der gekochten Schlehen mit einem Esslöffel durch das Frittiersieb. Ein zweiter Siebdurchgang mit einem Nudelseiher entfernte kleine Kerne, die noch durchgeschlüpft waren, und nach zwei Stunden waren zwei Kilo Schlehen zu Marmelade geworden und in Gläser abgefüllt. Ganz ohne Sisyphos und Sauerei!

FLOTTE LOTTE WAR GESTERN
Müsste ich also heute nach einem Jungennamen suchen, wäre meine Entscheidung eindeutig: ich würde auf alles Biblische und Mythologische verzichten und den Knaben stattdessen Angus nennen. Doch in Ermangelung eines zu benennenden Knaben habe ich eben „mein“ Sieb danach benannt: Frangus Angus – Flotte Lotte war gestern. Und die nächste Kornelkirschen-Ernte kann kommen!


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